Differenzen- und Differentialgleichungen
Kompetenzcode: AN 6.3
Bereich: Analysis
Eine beschreibt hier nicht nur einen unbekannten Zahlenwert, sondern die Entwicklung einer ganzen .
- Eine Differenzengleichung beschreibt Änderungen in einzelnen Schritten: (x_0,x_1,x_2,\ldots)
- Eine Differentialgleichung beschreibt eine kontinuierliche Änderung mithilfe von : (y',y'',\ldots)
Leitidee: Zuerst den Gleichungstyp erkennen, dann das passende Lösungsverfahren wählen. Erst danach rechnen.
1. Gleichungstyp und Ordnung erkennen
Eine Differentialgleichung enthält eine unbekannte Funktion (y=y(x)) und mindestens eine ihrer Ableitungen.
Die Ordnung ist die höchste vorkommende Ableitung. Bei (y''+2y'-3y=0) ist sie daher (2).
Vom Text zum Änderungsmodell
Typische Formulierungen werden so übersetzt:
Ein Anfangswert wie (y(0)=100) wählt aus allen möglichen Lösungen genau diejenige aus, die zum betrachteten Prozess gehört.
2. Beispiel 1: Exponentielles Wachstum modellieren und lösen
Eine Bakterienkultur enthält anfangs (200) Zellen. Ihre momentane Wachstumsrate beträgt (30,%) des aktuellen Bestands pro Stunde.
Schritt 1: Größen festlegen
Die Angabe „(30,%) des aktuellen Bestands“ liefert den Proportionalitätsfaktor
Schritt 2: Differentialgleichung aufstellen
Die Gleichung ist erster Ordnung und separierbar.
Schritt 3: Variablen trennen
Für (y>0) gilt
Schritt 4: Beide Seiten integrieren
Exponentieren ergibt
mit (A=e^C>0).
Schritt 5: Anfangsbedingung einsetzen
Damit lautet die spezielle Lösung
Schritt 6: Nach zwei Stunden auswerten und deuten
Das Modell sagt nach zwei Stunden etwa (364) Zellen voraus.
Kontrolle
Differentialgleichung und Anfangswert sind erfüllt.
3. Separierbare Differentialgleichungen
Eine Differentialgleichung der Form
ist separierbar. Man bringt alle (y)-Terme auf eine Seite und alle (x)-Terme auf die andere:
Dann werden beide Seiten integriert. Dabei sind drei Punkte wichtig:
- Beim Dividieren durch (g(y)) können konstante Lösungen mit (g(y)=0) verloren gehen. Diese vorher prüfen.
- Die Integrationskonstante darf nach dem Integrieren auf einer Seite zusammengefasst werden.
- Die gefundene Lösung wird durch Ableiten kontrolliert.
4. Beispiel 2: Logistisches Wachstum vollständig lösen
Ein Bestand besitzt die Kapazitätsgrenze (1000). Er wächst nach
Schritt 1: Konstante Lösungen prüfen
Die rechte Seite ist null für
Das sind Gleichgewichtslösungen. Der Anfangswert (100) liegt dazwischen.
Schritt 2: Variablen trennen
Da
erhält man
Schritt 3: Integrieren
Wegen der inneren Ableitung von (1000-y) gilt
Damit
Schritt 4: Nach (y) auflösen
Im betrachteten Bereich (0<y<1000) ist der Quotient positiv. Mit (A=e^C>0) folgt
Nun schrittweise umformen:
Schritt 5: Anfangswert verwenden
Daraus folgt
Die gesuchte Lösung ist
Schritt 6: Deuten
Für große (t) gilt (e^{-0{,}4t}\to0). Daher
Der Bestand nähert sich der Kapazitätsgrenze (1000), überschreitet sie im Modell aber nicht.
5. Lineare Differentialgleichungen erster Ordnung
Die Formelsammlung verwendet die Gestalt
mit konstantem Koeffizienten (a). Die Gesamtlösung besteht aus
- (y_h) löst die homogene Gleichung (y'+ay=0).
- (y_p) ist eine spezielle Lösung der inhomogenen Gleichung.
Für eine konstante Störung (s(x)=q) kann man eine konstante partikuläre Lösung (y_p=c) versuchen. Dann ist (y_p'=0).
6. Beispiel 3: Zufluss und proportionaler Abfluss
In einem Behälter gilt
Schritt 1: Homogene Gleichung lösen
Daraus folgt
Schritt 2: Partikuläre Lösung ansetzen
Da die rechte Seite konstant ist, setzen wir (y_p=c). Dann gilt (y_p'=0) und
Somit
Schritt 3: Allgemeine Lösung bilden
Schritt 4: Anfangswert einsetzen
Also ist (C=-16) und
Schritt 5: Kontrolle durch Einsetzen
Damit
Schritt 6: Langzeitverhalten deuten
Für (t\to\infty) verschwindet der Exponentialterm. Deshalb
Der Wert (20) ist das Gleichgewicht von Zufluss und Abfluss.
7. Lineare homogene Differentialgleichungen zweiter Ordnung
Für
mit konstanten Koeffizienten setzt man (y=e^{rt}). Dann entstehen
Nach dem Einsetzen kann (e^{rt}\neq0) ausgeklammert werden:
Die charakteristische Gleichung lautet daher
Die Art der Wurzeln bestimmt die Lösungsform:
8. Beispiel 4: Zwei verschiedene reelle Wurzeln
Gegeben ist
Schritt 1: Charakteristische Gleichung aufstellen
Schritt 2: Wurzeln bestimmen
Also
Schritt 3: Allgemeine Lösung aufstellen
Schritt 4: Ableitung bilden
Schritt 5: Anfangsbedingungen einsetzen
Bei (t=0) gilt (=1):
Subtraktion der ersten Gleichung von der zweiten liefert
Schritt 6: Ergebnis und Kontrolle
Da beide Exponentialterme jeweils aus einer charakteristischen Wurzel entstehen, erfüllt die Linearkombination die Differentialgleichung. Zudem sind (y(0)=3) und (y'(0)=4).
9. Beispiel 5: Doppelte reelle Wurzel
Gegeben ist
Schritt 1: Charakteristische Gleichung lösen
Es gibt die doppelte Wurzel
Schritt 2: Passende Lösungsform wählen
Bei einer doppelten Wurzel braucht man den zusätzlichen Faktor (t):
Schritt 3: Erste Anfangsbedingung einsetzen
Schritt 4: Ableiten
Mit der Produktregel:
Schritt 5: Zweite Anfangsbedingung einsetzen
Mit (C_1=1) folgt
Schritt 6: Ergebnis
Der Faktor (t) ist nicht optional: Ohne ihn gäbe es bei der doppelten Wurzel nur eine statt zwei unabhängiger Lösungen.
10. Beispiel 6: Komplex konjugierte Wurzeln
Gegeben ist
Schritt 1: Charakteristische Gleichung lösen
Hier sind (alpha=0) und (eta=2).
Schritt 2: Reelle Lösungsform aufstellen
Schritt 3: Erste Anfangsbedingung einsetzen
Also (C_1=2).
Schritt 4: Ableitung bilden
Schritt 5: Zweite Anfangsbedingung einsetzen
Daher (C_2=-2).
Schritt 6: Ergebnis deuten
Die Lösung schwingt periodisch. Weil (alpha=0), besitzt sie weder exponentielle Dämpfung noch exponentielles Anwachsen.
11. Numerische Lösung mit dem Euler-Verfahren
Nicht jedes Anfangswertproblem lässt sich einfach analytisch lösen. Für
verwendet das explizite Euler-Verfahren die Rekursion
Der aktuelle Funktionswert und die aktuelle Steigung bestimmen also den nächsten Näherungspunkt. Ein kleineres (h) liefert gewöhnlich eine bessere Näherung, benötigt aber mehr Schritte.
12. Beispiel 7: Euler-Verfahren schrittweise
Wir nähern die Lösung von
bis (t=1) mit (h=0{,}25) an.
Schritt 1: Rekursion einsetzen
Da (f(t,y)=y), gilt
Schritt 2: Ersten Schritt berechnen
Schritt 3: Weitere Schritte berechnen
Schritt 4: Mit der exakten Lösung vergleichen
Die exakte Lösung ist (y(t)=e^t). Daher
Die absolute Abweichung beträgt
Die Euler-Näherung liegt hier unter dem exakten Wert, weil die wachsende, nach oben gekrümmte Exponentialkurve durch Tangentenstücke angenähert wird.
13. Beispiel 8: Diskretes und kontinuierliches Wachstum vergleichen
Ein Kapital von (100) wächst pro Zeitschritt um (10,%).
Diskretes Modell
Schrittweise:
Explizit gilt
Kontinuierliches Modell mit denselben ganzzahligen Werten
Gesucht ist (y'=ky) mit (y(0)=100) und (y(1)=110). Die Lösung hat die Form
Aus (y(1)=110) folgt
Damit
Für ganzzahlige (t=n) stimmen beide Modelle überein. Dazwischen liefert nur das kontinuierliche Modell Werte.
Wichtig: (10,%) pro diskretem Schritt entspricht der kontinuierlichen Rate (ln(1{,}1)\approx0{,}09531), nicht exakt (0{,}1).
14. Technologie sinnvoll einsetzen
Ein CAS oder numerisches Werkzeug kann Lösungen prüfen und Anfangswertprobleme approximieren. Der mathematische Weg sollte trotzdem zeigen:
- Welche Größe ist unbekannt?
- Ist das Modell diskret oder kontinuierlich?
- Welche Ordnung und welcher Gleichungstyp liegen vor?
- Welches Lösungsverfahren passt?
- Welche Anfangsbedingungen müssen eingesetzt werden?
- Wie wird das Ergebnis im Kontext gedeutet?
Bei einer numerischen Lösung gehören außerdem Schrittweite, Startpunkt und verwendetes Verfahren zur Antwort.
15. Häufige Fehler
Fehler 1: Differenz und Ableitung verwechseln
(x_{n+1}-x_n) ist eine Änderung pro Schritt. (y'(t)) ist eine momentane kontinuierliche Änderungsrate.
Fehler 2: Beim Trennen eine Gleichgewichtslösung verlieren
Vor dem Dividieren durch (g(y)) immer (g(y)=0) prüfen.
Fehler 3: Integrationskonstante vergessen
Nach dem unbestimmten Integrieren muss eine Konstante auftreten. Die Anfangsbedingung bestimmt sie.
Fehler 4: Bei (y=y_h+y_p) nur den homogenen Teil berechnen
Eine inhomogene Gleichung benötigt zusätzlich eine partikuläre Lösung.
Fehler 5: Doppelte Wurzel wie zwei verschiedene Wurzeln behandeln
Bei (r_1=r_2=r) lautet die Lösung ((C_1+C_2t)e^{rt}).
Fehler 6: Komplexe Wurzeln nicht in reelle Schwingungsform übersetzen
Aus (alpha\pm i\beta) entstehen (e^{\alpha t}\cos(\beta t)) und (e^{\alpha t}\sin(\beta t)).
Fehler 7: Beim Euler-Verfahren die neue Steigung zu früh verwenden
Beim expliziten Euler-Verfahren wird (f(t_n,y_n)) verwendet, nicht (f(t_{n+1},y_{n+1})).
16. Lösungswege auf einen Blick
Separierbare Gleichung
- Gleichgewichtslösungen prüfen.
- (y)- und (x)-Terme trennen.
- Beide Seiten integrieren.
- Nach (y) auflösen.
- Anfangsbedingung einsetzen.
- Durch Ableiten und Einsetzen kontrollieren.
Lineare Gleichung erster Ordnung mit konstanten Koeffizienten
- Form (y'+ay=s(x)) erkennen.
- Homogene Lösung (y_h) bestimmen.
- Passenden Ansatz für (y_p) wählen.
- (y=y_h+y_p) bilden.
- Anfangsbedingung einsetzen.
- Gleichung und Kontext kontrollieren.
Homogene lineare Gleichung zweiter Ordnung
- Charakteristische Gleichung aufstellen.
- Wurzeln berechnen.
- Wurzelfall unterscheiden.
- Allgemeine Lösung aufstellen.
- Ableitung bilden und zwei Anfangsbedingungen einsetzen.
- Differentialgleichung und Anfangswerte kontrollieren.
17. Merksätze
- Eine Differenzengleichung modelliert schrittweise, eine Differentialgleichung kontinuierlich.
- Die höchste Ableitung bestimmt die Ordnung.
- Variablentrennung ist nur zulässig, wenn die Terme tatsächlich getrennt werden können.
- Anfangsbedingungen bestimmen die freien Konstanten.
- Bei linearen Gleichungen erster Ordnung gilt (y=y_h+y_p).
- Bei linearen homogenen Gleichungen zweiter Ordnung entscheidet die charakteristische Gleichung über die Lösungsform.
- Das Euler-Verfahren ersetzt die Lösungskurve schrittweise durch Tangentenstücke.
- Jede Lösung sollte durch Einsetzen, Anfangswerte, Einheit und Kontext geprüft werden.