Taylor- und Fourierreihen
Kompetenzcode: AN 6.2
Bereich: Analysis
Manche sind schwer direkt zu berechnen oder zu untersuchen. Reihen ersetzen sie durch einfachere Bausteine:
- Ein Taylorpolynom verwendet Potenzen von und beschreibt eine glatte Funktion in der Nähe eines Entwicklungspunktes .
- Eine Fourierreihe verwendet Sinus- und Cosinusschwingungen und beschreibt eine periodische Funktion über ganze Perioden.
Leitidee: Taylor nähert lokal mit Potenzen an. Fourier zerlegt periodisch mit Schwingungen.
1. Taylorentwicklung: Eine Funktion in der Nähe von nachbauen
Ein Polynom lässt sich leicht auswerten. Deshalb ersetzt man eine genügend oft differenzierbare Funktion nahe bei durch
oder ausgeschrieben:
Dabei bedeuten:
Für gilt und .
Warum passen die Ableitungen?
Das Taylorpolynom wird so gebaut, dass am Entwicklungspunkt möglichst viele Eigenschaften übereinstimmen:
Je näher bei liegt, desto eher ist eine gute Näherung zu erwarten. Ein höherer Grad kann die Näherung verbessern, garantiert aber nicht überall eine kleine Abweichung.
2. Taylor- systematisch bestimmen
Schreibt man
dann gilt
Eine Ableitungstabelle verhindert, dass Ableitungswert, Fakultät oder Potenz vertauscht werden:
3. Beispiel 1: um bis zum Grad 3
Gesucht ist das Taylorpolynom dritten Grades für
Schritt 1: Entwicklungspunkt und Grad notieren
Schritt 2: Ableitungen bilden
Bei der Exponentialfunktion wiederholt sich die Ableitung:
Schritt 3: Bei auswerten
Da , gilt
Schritt 4: In die Taylorformel einsetzen
Damit lautet das Ergebnis
Schritt 5: näherungsweise berechnen
Schritt 6: Mit dem tatsächlichen Wert vergleichen
Die absolute Abweichung beträgt ungefähr
Die Näherung ist gut, weil nahe beim Entwicklungspunkt liegt.
4. Beispiel 2: um bis zum Grad 5
Gesucht ist ein Taylorpolynom fünften Grades für
Schritt 1: Ableitungsfolge aufschreiben
Schritt 2: Bei auswerten
Mit und erhält man
Schritt 3: Koeffizienten einsetzen
Nur ungerade Potenzen bleiben übrig. Das passt dazu, dass eine ungerade Funktion ist.
Schritt 4: approximieren
Der Winkel wird im Bogenmaß eingesetzt:
Der tatsächliche Wert ist ungefähr . Die Abweichung beträgt nur rund
5. Beispiel 3: Entwicklung um einen Punkt
Nun wird
um bis zum Grad 3 entwickelt.
Schritt 1: Ableitungen bestimmen
Schritt 2: Bei auswerten
Schritt 3: Taylorpolynom aufstellen
Wichtig: Bei stehen Potenzen von , nicht Potenzen von .
Schritt 4: approximieren
Hier ist :
Der tatsächliche Wert ist ungefähr . Somit ist
6. Taylor-Näherungen sinnvoll beurteilen
Eine Näherung ist nicht allein deshalb gut, weil ein Taylorpolynom verwendet wurde. Prüfe immer:
- Liegt nahe beim Entwicklungspunkt ?
- Ist die Funktion im betrachteten Bereich genügend oft differenzierbar?
- Ist der gewählte Grad für die gewünschte Genauigkeit ausreichend?
- Ist ein Vergleich mit einem genaueren Technologie-Wert möglich?
Die einfache praktische Fehlerkontrolle lautet
7. Fourierreihe: Eine periodische Funktion aus Schwingungen zusammensetzen
Eine Funktion mit Periode erfüllt
Die Grundkreisfrequenz ist
Eine Fourierreihe hat die Form
Das Zeichen weist darauf hin, dass die Reihe die Funktion darstellt beziehungsweise durch Teilsummen annähert. Die Summanden heißen Harmonische.
Für ein beliebiges Intervall einer ganzen Periode gelten
Für die häufige Periode wird . Auf vereinfacht sich daher der Faktor zu .
8. Symmetrie spart Rechenarbeit
Vor dem Integrieren wird die Symmetrie geprüft.
Gerade Funktion
Wenn
dann enthält die Fourierreihe nur Cosinusanteile:
Ungerade Funktion
Wenn
dann enthält die Fourierreihe nur Sinusanteile:
Das ist nicht nur eine Rechenabkürzung, sondern eine wichtige Plausibilitätskontrolle.
9. Beispiel 4: Fourier-Koeffizienten eines einfachen Signals
Gegeben ist die -periodische Funktion
Obwohl die Darstellung bereits wie eine Fourierreihe aussieht, werden die wesentlichen Koeffizienten mit den Integralen kontrolliert.
Schritt 1: Periode und Grundkreisfrequenz
Schritt 2: Konstantenanteil bestimmen
In der Reihe steht daher .
Schritt 3: Den Cosinus-Koeffizienten bestimmen
Über eine ganze Periode heben sich unterschiedliche Sinus- und Cosinusschwingungen gegenseitig auf. Das ist die Orthogonalität der Schwingungen.
Schritt 4: Den Sinus-Koeffizienten bestimmen
Alle übrigen Fourier-Koeffizienten sind null. Damit erhält man wieder exakt
Dieses Beispiel ist eine endliche Fourierreihe: Es ist keine weitere Näherung nötig.
10. Beispiel 5: Fourierreihe einer Rechteckfunktion
Die -periodische Funktion sei in einer Periode definiert durch
Schritt 1: Symmetrie erkennen
Es gilt . Die Funktion ist ungerade. Daher folgt sofort
Es müssen nur die Sinus-Koeffizienten berechnet werden.
Schritt 2: Integral mithilfe der Symmetrie vereinfachen
Das Produkt aus den beiden ungeraden Funktionen und ist gerade. Daher gilt
Schritt 3: Integrieren
Schritt 4: Gerade und ungerade Indizes unterscheiden
Für gerades ist , also
Für ungerades ist , also
Schritt 5: Fourierreihe aufstellen
Nur ungerade Sinusschwingungen bleiben übrig:
Die hohen Harmonischen werden mit dem Faktor zunehmend kleiner.
11. Beispiel 6: Fourier-Teilsummen schrittweise auswerten
Eine Fourier-Teilsumme verwendet nur endlich viele Harmonische. Für die Rechteckfunktion sind die ersten drei sinnvollen Teilsummen
Wir approximieren den Funktionswert bei . Dort ist .
Erste Harmonische
Erste und dritte Harmonische
Da , gilt
Bis zur fünften Harmonischen
Da , folgt
Die Näherungen liegen abwechselnd unter und über , nähern sich dem Zielwert aber insgesamt an. Mehr Summanden bedeuten nicht, dass jeder einzelne neue Näherungswert monoton besser sein muss.
12. Was geschieht an einer Sprungstelle?
Bei springt die Rechteckfunktion von auf . Jede Sinusschwingung und damit jede der obigen Teilsummen hat dort den Wert null:
Die Fourierreihe nähert sich an einer Sprungstelle dem Mittelwert der beiden einseitigen Grenzwerte:
In der Nähe eines Sprungs bleiben sichtbare Über- und Unterschwinger. Dieses Verhalten heißt Gibbs-Phänomen. Es ist kein Rechenfehler der Teilsumme.
13. Taylor und Fourier nicht verwechseln
14. Berechnung mit Technologie
Ein Computer-Algebra-System kann Ableitungen, Integrale, Taylorpolynome und Fourier-Koeffizienten berechnen. Der mathematische Lösungsweg sollte trotzdem diese Entscheidungen sichtbar machen:
- Funktion, Entwicklungspunkt und Grad beziehungsweise Periode notieren.
- Benötigte Ableitungen oder Koeffizientenformeln auswählen.
- Werte beziehungsweise Integrationsgrenzen korrekt einsetzen.
- Polynom oder Teilsumme eindeutig aufstellen.
- Einen Näherungswert berechnen.
- Mit Graph, Symmetrie, Zielwert oder höherer Ordnung kontrollieren.
Technologie ersetzt nicht die Entscheidung, ob Taylor oder Fourier zum Problem passt.
15. Typische Fehler
Fehler 1: Die Fakultät vergessen
Der Koeffizient des Terms ist
nicht nur .
Fehler 2: Bei Potenzen von verwenden
Entwickelt wird in Potenzen von .
Fehler 3: Den Näherungswert als exakten Wert angeben
Im Allgemeinen gilt
Fehler 4: Grad und Anzahl der Ableitungen verwechseln
Für werden die Ableitungen bis zur Ordnung benötigt.
Fehler 5: Die halbe Konstante in der Fourierreihe übersehen
In der Fourierreihe steht , nicht .
Fehler 6: Über keine ganze Periode integrieren
Die Koeffizientenintegrale werden über ein vollständiges Periodenintervall gebildet.
Fehler 7: Symmetrie nicht nutzen
Bei geraden Funktionen verschwinden die Sinuskoeffizienten, bei ungeraden Funktionen der Konstanten- und die Cosinuskoeffizienten.
Fehler 8: Grad und Harmonischenzahl verwechseln
Taylor verwendet einen Polynomgrad. Fourier verwendet Schwingungsnummern .
16. Arbeitspläne
Taylorpolynom aufstellen und verwenden
- Entwicklungspunkt und Grad notieren.
- Ableitungen bis bilden.
- Alle Ableitungen bei auswerten.
- Koeffizienten durch die passenden Fakultäten teilen.
- Polynom in Potenzen von aufstellen.
Fourierreihe aufstellen und verwenden
- Periode , Grundkreisfrequenz und Periodenintervall bestimmen.
- Gerade oder ungerade Symmetrie prüfen.
- Benötigte Koeffizientenintegrale aufstellen.
- Integrale schrittweise berechnen und Koeffizienten kontrollieren.
- Fourierreihe beziehungsweise Teilsumme formulieren.
- Teilsumme auswerten und Verhalten an glatten Stellen oder Sprüngen deuten.
Merksätze
- Taylor verwendet Ableitungswerte an einem Entwicklungspunkt.
- Der Koeffizient von ist .