Interaktive Visualisierung
Grenzwerte und Stetigkeit
Beobachte, was mit dem Funktionswert passiert, wenn sich x der Stelle a = 1 nähert.
x nähert sich a
Grenzwert
Funktionswert
Grenzwert
Entscheidend ist, welchem Wert sich f(x) nähert, wenn x gegen a geht.
Funktionswert
Der tatsächliche Wert f(a) muss nicht automatisch mit dem Grenzwert übereinstimmen.
Beurteilung
Grenzwert und Funktionswert stimmen überein → stetig.
Grenzwerte und Stetigkeit
Kompetenzcode: AN 5.1
Bereich: Analysis
Ein Grenzwert beschreibt nicht unbedingt, welcher Wert gerade vorliegt. Er beschreibt, welchem Wert sich etwas immer weiter nähert.
Diese Idee braucht man an vielen Stellen:
- bei Folgen,
- bei Funktionsgraphen,
- bei der ,
- beim bestimmten Integral,
- bei langfristigen Modellen.
Der wichtigste Gedanke lautet:
Wir beobachten die Entwicklung in der Nähe oder auf lange Sicht. Der Zielwert kann dabei erreicht werden, muss aber nicht erreicht werden.
1. Annäherung und Grenzwert
Die Schreibweise
bedeutet:
Wenn sich der Stelle nähert, dann nähert sich dem Wert .
Die beiden Bewegungen lassen sich sichtbar beschriften:
Dabei wird nicht zuerst gefragt, was genau bei passiert. Man betrachtet Werte beliebig nahe bei .
2. Grenzwerte von Folgen
Eine Folge ist eine geordnete Liste von Zahlen:
Die Zahl ist das Folgenglied an der Stelle .
Konvergente Folge
Eine Folge heißt konvergent, wenn sich ihre Folgenglieder für große einem festen reellen Wert nähern.
Man schreibt
Beispiel
Für
entsteht:
In einer grafischen Darstellung liegen die Punkte für große immer näher an der waagrechten Linie . Allgemein deutet eine Annäherung an auf den Grenzwert hin.
Der Anteil wird immer kleiner. Deshalb gilt
Die Folgenglieder sind nie genau . Trotzdem ist der Grenzwert.
Einfache Grenzwerte bestimmen
Für eine Konstante und eine positive ganze Zahl gilt:
Damit kann man einfache Folgen sofort untersuchen:
Bei einem Bruch aus Polynomen in kann man durch die höchste vorkommende Potenz teilen. Zum Beispiel:
3. Divergente Folgen erkennen
Eine Folge heißt divergent, wenn sie sich keinem festen reellen Wert nähert.
Das kann auf verschiedene Arten geschehen.
Unbeschränktes Wachstum
wird immer größer. Man schreibt beschreibend . Die Folge besitzt aber keinen endlichen reellen Grenzwert.
Dauerndes Wechseln
wechselt zwischen und . Sie nähert sich keinem einzelnen Wert.
Wichtig
ist keine gewöhnliche Zahl. Die Schreibweise beschreibt ein unbeschränktes Verhalten und keinen endlichen Grenzwert.
4. Grenzwerte von
Bei einer Funktion untersucht man, welchem Wert sich nähert, wenn sich
- einer bestimmten Stelle ,
- von links oder rechts der Stelle ,
- oder unbegrenzt großen beziehungsweise kleinen Werten
nähert.
Grenzwert aus einem Graphen ablesen
Für verfolgt man den Graphen zuerst von links und danach von rechts bis nahe an die Stelle . Entscheidend ist die Höhe, der sich der Graph nähert. Ein eingezeichneter einzelner Punkt bei wird dabei zunächst nicht verwendet.
Für betrachtet man den Verlauf weit rechts, für weit links. Der Graph kann sich
- einer festen Höhe nähern,
- unbegrenzt nach oben oder unten entwickeln,
- oder ohne eindeutigen Zielwert schwanken.
Eine Wertetabelle unterstützt dieselbe Untersuchung. Werte knapp links und rechts von beziehungsweise für betragsmäßig große -Werte machen das Grenzverhalten sichtbar.
Direkte Einsetzung
Bei einfachen stetigen Funktionen darf man für den Grenzwert direkt einsetzen.
Für
gilt daher
Wenn direkte Einsetzung ergibt
Der Ausdruck ist kein Ergebnis. Er zeigt nur, dass der zuerst vereinfacht werden muss.
Beispiel:
Direktes Einsetzen ergibt . Durch Faktorisieren erhält man für :
Nun lässt sich der Grenzwert bestimmen:
Der ursprüngliche Bruch ist bei nicht definiert. Sein Grenzwert kann trotzdem existieren.
5. Linksseitiger und rechtsseitiger Grenzwert
Eine Stelle muss von beiden Seiten untersucht werden.
Von links schreibt man
Von rechts schreibt man
Für eine innere Stelle des Definitionsbereichs existiert der beidseitige Grenzwert genau dann, wenn beide einseitigen Grenzwerte existieren und gleich sind:
Beispiel eines Sprungs
Nähert sich der Graph von links dem Wert , von rechts aber dem Wert , dann gilt
Weil , existiert an dieser Stelle kein beidseitiger Grenzwert.
Liegt am Rand eines Definitionsintervalls, wird nur von der Seite geprüft, die zum Intervall gehört. Am linken Rand betrachtet man also den rechtsseitigen, am rechten Rand den linksseitigen Grenzwert.
6. Grenzwert und Funktionswert sind verschieden
Diese zwei Fragen dürfen nicht vermischt werden:
- Welchem Wert nähert sich , wenn ?
- Welchen Wert hat die Funktion genau bei ?
Der Grenzwert betrachtet die Umgebung der Stelle. Der Funktionswert betrachtet die Stelle selbst.
Deshalb sind folgende Situationen möglich:
7. Stetigkeit an einer Stelle
Eine Funktion ist an einer inneren Stelle stetig, wenn alle drei Bedingungen erfüllt sind:
- ist definiert.
- existiert.
- Grenzwert und Funktionswert stimmen überein.
Kurz:
Anschaulich kann man sagen:
In der unmittelbaren Umgebung von gibt es keinen Sprung, keine Lücke und keine Polstelle.
Der Satz „Man kann den Graphen ohne Absetzen zeichnen“ ist eine gute erste Vorstellung. Für eine genaue Prüfung verwendet man aber die drei Bedingungen. An einem Randpunkt genügt entsprechend der Grenzwert von der im Intervall vorhandenen Seite.
8. Typische Unstetigkeitsstellen
Behebbare Lücke
Der Grenzwert existiert, aber die Funktion ist an der Stelle nicht oder falsch definiert.
Beispiel:
hat bei eine Lücke und den Grenzwert . Definiert man zusätzlich , wird die Lücke geschlossen.
Sprungstelle
Der linksseitige und der rechtsseitige Grenzwert sind verschieden. Ein einzelner Funktionswert kann den Sprung nicht beheben.
Polstelle
Die Funktionswerte wachsen auf mindestens einer Seite betragsmäßig unbegrenzt. Bei
liegt bei eine Polstelle vor.
9. Stetigkeit im Kontext
Ob eine Unstetigkeit sinnvoll ist, hängt vom Modell ab.
Stetiges Modell
Eine idealisierte Temperaturfunktion verändert sich meist ohne plötzliche Sprünge. Kleine Zeitänderungen führen zu kleinen Temperaturänderungen.
Unstetiges Modell
Ein Eintrittspreis kann ab dem 18. Geburtstag sprunghaft von einem Jugendpreis auf einen Erwachsenenpreis wechseln. Ein Sprung kann hier sachlich richtig sein.
Modellprüfung
Eine Unstetigkeit ist nicht automatisch ein Rechenfehler. Man fragt:
- Beschreibt der Sprung einen echten Wechsel der Regel?
- Ist eine Lücke nur durch fehlende Daten entstanden?
- Ist eine Polstelle im Sachkontext überhaupt sinnvoll?
10. Differenzierbarkeit grafisch beurteilen
Eine Funktion ist an einer Stelle differenzierbar, wenn dort eine eindeutige endliche Tangentensteigung vorhanden ist.
Grafisch problematisch sind insbesondere:
- Sprünge,
- Lücken,
- Polstellen,
- Ecken und Knicke,
- Spitzen,
- Stellen mit senkrechter Tangente, wenn eine endliche Ableitung verlangt wird.
Wichtiger Zusammenhang
Ist eine Funktion an einer Stelle unstetig, kann sie dort nicht differenzierbar sein.
Die Umkehrung gilt aber nicht:
Beispiel:
ist bei stetig. Der Graph besitzt dort aber einen Knick. Die Steigung von links ist , die Steigung von rechts ist . Deshalb ist die Funktion dort nicht differenzierbar.
11. Ein vollständiges Beispiel zur Stetigkeit
Gegeben ist
Prüfe die Stetigkeit bei .
Von links
Von rechts
Die einseitigen Grenzwerte stimmen überein. Daher gilt
Funktionswert
Entscheidung
Die Funktion ist bei nicht stetig. Es liegt eine behebbare Lücke mit einem falsch gesetzten Einzelwert vor. Würde man definieren, wäre die Funktion dort stetig.
12. Grenzwerte mit Technologie untersuchen
Ein elektronisches Hilfsmittel kann Graphen, Wertetabellen und Grenzwerte anzeigen. Der mathematische Blick bleibt trotzdem wichtig.
Sinnvoller Ablauf:
- Stelle und Definitionsbereich prüfen.
- Werte knapp links und rechts der Stelle untersuchen.
- Graph auf Lücke, Sprung oder Polstelle prüfen.
- Grenzwert berechnen oder technologisch bestimmen.
- Funktionswert getrennt auswerten.
- Erst dann über Stetigkeit entscheiden.
Bei großen -Werten hilft eine Wertetabelle, das langfristige Verhalten zu vermuten. Einzelne Tabellenwerte sind aber noch kein Beweis für einen Grenzwert.
13. Typische Fehler
Fehler 1: Grenzwert und Funktionswert gleichsetzen
kann existieren, obwohl fehlt oder einen anderen Wert hat.
Fehler 2: Nur eine Seite betrachten
Für einen beidseitigen Grenzwert müssen linke und rechte Seite übereinstimmen.
Fehler 3: als Ergebnis angeben
ist unbestimmt. Der Funktionsterm muss vereinfacht oder anders untersucht werden.
Fehler 4: wie eine Zahl behandeln
Unbeschränktes Wachstum beschreibt ein Verhalten. Es ist kein endlicher Grenzwert.
Fehler 5: Stetigkeit mit Differenzierbarkeit verwechseln
Differenzierbarkeit garantiert Stetigkeit. Eine stetige Funktion kann aber einen Knick besitzen und dort nicht differenzierbar sein.
Fehler 6: Eine Unstetigkeit im Modell immer als falsch bewerten
Ein Sprung kann einen echten Tarif-, Schalt- oder Regelwechsel beschreiben.
14. Allgemeiner Arbeitsplan
Folge untersuchen
- Einige Folgenglieder berechnen oder aus der Darstellung lesen.
- Langfristige Entwicklung erkennen.
- Einen möglichen Zielwert vermuten.
- Bei einfachen Termen rechnerisch bestätigen.
- Als konvergent oder divergent einordnen.
Stetigkeit prüfen
- Definitionsbereich und Stelle prüfen.
- Linksseitigen Grenzwert bestimmen.
- Rechtsseitigen Grenzwert bestimmen.
- Beide Grenzwerte vergleichen.
- Funktionswert bestimmen.
- Mit entscheiden.
Differenzierbarkeit grafisch prüfen
- Zuerst auf Stetigkeit achten.
- Graph an der Stelle vergrößert betrachten.
- Nach Knick, Spitze oder senkrechter Tangente suchen.
- Prüfen, ob von links und rechts dieselbe endliche Tangentensteigung entsteht.
Merksätze
- Ein Grenzwert beschreibt eine Annäherung.
- Eine Folge konvergiert nur dann, wenn sie sich einem festen reellen Wert nähert.
- Für einen beidseitigen Funktionsgrenzwert müssen linke und rechte Seite übereinstimmen.
- Grenzwert und Funktionswert sind verschiedene Begriffe.
- Stetigkeit bei bedeutet .