Tangensfunktion
Kompetenzcode: FA 6.8
Bereich: Funktionale Abhängigkeiten
Die Tangensfunktion ist keine weitere Wellenkurve wie Sinus oder Cosinus. Sie besteht aus getrennten, streng steigenden Ästen und besitzt senkrechte Asymptoten. All diese Eigenschaften folgen aus einer einzigen Beziehung:
Der Nenner erklärt die Definitionslücken, der Quotient erklärt die Vorzeichen und die gemeinsame Wiederholung von Sinus und Cosinus erklärt die Periodizität.
1. Tangens aus Sinus und Cosinus verstehen
Im Einheitskreis hat der Punkt zum Winkel die Koordinaten
Der Tangens ist das Verhältnis der beiden Koordinaten:
sofern die x-Koordinate nicht null ist.
Beispiel 1: Drei charakteristische Werte begründen
Für gilt
Für gilt
Für gilt
Diese drei Punkte bilden das Grundgerüst des mittleren Kurvenastes:
Beispiel 2: Warum nicht existiert
Bei ist
Damit würde
entstehen. Eine Division durch null ist nicht definiert. Deshalb besitzt die Tangensfunktion dort eine Definitionslücke und die Gerade
ist eine senkrechte Asymptote.
2. Definitionsbereich, und Vorzeichen
Der Cosinus ist genau bei
gleich null. Diese Stellen müssen aus dem Definitionsbereich entfernt werden:
Die Nullstellen des Tangens entstehen hingegen dort, wo der Zähler null und der Nenner nicht null ist:
Für das Vorzeichen betrachtet man Sinus und Cosinus gemeinsam:
Beispiel 3: Nullstelle, Definitionslücke oder gewöhnliche Stelle?
Wir ordnen drei Winkel zu:
- Bei ist und . Also ist eine Nullstelle.
Beispiel 4: Das Vorzeichen ohne Taschenrechner bestimmen
Der Winkel
liegt im III. Quadranten. Dort sind Sinus und Cosinus negativ. Somit gilt
Genauer ist der Bezugswinkel , daher
3. Den Grundgraphen sicher skizzieren
Auf jedem offenen zwischen zwei benachbarten Definitionslücken besitzt der Graph genau einen Kurvenast. Für den mittleren Ast ist dieses Intervall
Beim Skizzieren gilt:
- Senkrechte Asymptoten gestrichelt einzeichnen.
- Die Nullstelle in der Mitte markieren.
- Die Punkte mit und eintragen.
- Einen streng steigenden Ast zeichnen.
- Weitere Äste um nach links oder rechts verschieben.
Beispiel 5: Den mittleren Ast skizzieren
Für
verwenden wir die Orientierungspunkte
und das Randverhalten
Der Ast steigt also von links unten durch die drei Orientierungspunkte nach rechts oben. Er berührt die Asymptoten nicht.
Beispiel 6: Einen Graphen im Intervall vorbereiten
Die Definitionslücken im Intervall sind
Die Nullstellen sind
Damit entstehen im sichtbaren Bereich drei getrennte Teile. Die Linien bei dürfen nicht durch einen Kurvenzug überbrückt werden.
Typischer Fehler: Die Tangensfunktion ist keine Sinuskurve mit besonders großer Amplitude. Wegen der unbeschränkten Funktionswerte und der Definitionslücken besitzt sie keine Amplitude.
4. Periodizität: Warum die Periode beträgt
Sinus und Cosinus wechseln bei einer Verschiebung um beide ihr Vorzeichen:
Im Quotienten heben sich die beiden Minuszeichen auf:
Deshalb ist
die kleinste positive Periodenlänge der Tangensfunktion.
Beispiel 7: Einen großen Winkel reduzieren
Gesucht ist
Da ein ganzzahliges Vielfaches der Periode ist, gilt
Beispiel 8: Alle Lösungen einer Tangensgleichung angeben
Aus
folgt zunächst die Hauptlösung
Wegen der Periodenlänge lautet die allgemeine Lösung
Im Intervall erhält man
5. Gradmaß und Bogenmaß zuordnen
Die zentrale Umrechnung lautet
Daraus folgen
und
Beispiel 9: in Bogenmaß umrechnen
Da , folgt zugleich
Beispiel 10: in Gradmaß umrechnen
Der Winkel ist zu um verschoben. Wegen der Periode gilt daher
Taschenrechnerkontrolle: Vor dem Rechnen prüfen, ob das Gerät auf DEG oder RAD eingestellt ist. Derselbe Zahlenwert wird in beiden Modi als unterschiedlicher Winkel interpretiert.
6. Tangensfunktionen erkennen
Ein Graph gehört zur Tangensfamilie, wenn er die folgenden Merkmale besitzt:
- getrennte monotone Äste,
- regelmäßig wiederkehrende senkrechte Asymptoten,
- unbeschränkte Funktionswerte nach oben und unten,
- eine Nullstelle beziehungsweise Mittellinie in jedem Ast,
- Punktsymmetrie um die Mitte jedes unveränderten Grundastes.
Für den Grundgraphen gilt zusätzlich:
Der Graph ist also punktsymmetrisch zum Ursprung.
Vertiefung: Eine einfache Streckung
Bei
läuft das Argument doppelt so schnell. Die Periode halbiert sich:
Definitionslücken liegen bei
Diese Vertiefung hilft beim Erkennen, ändert aber nichts am Grundprinzip: Zuerst wird geprüft, wann der Cosinus des gesamten Arguments null ist.
7. Typische Fehler
8. Arbeitsabläufe
Tangenswert verstehen
- Winkel und Winkelmaß identifizieren.
- Sinus und Cosinus bestimmen oder qualitativ einordnen.
- Prüfen, ob der Cosinus null ist.
- Den Quotienten bilden.
- Vorzeichen über den Quadranten kontrollieren.
- Ergebnis als Wert, Nullstelle oder Definitionslücke deuten.
Tangensgraph skizzieren
- Gewünschtes Intervall festlegen.
- Alle Asymptoten im Intervall markieren.
- Nullstellen eintragen.
Periodizität nutzen
- Winkel im gegebenen Maß notieren.
- Ganzzahlige Vielfache von beziehungsweise abziehen oder addieren.
- Einen einfachen gleichwertigen Winkel bestimmen.
- Dessen Tangenswert berechnen.
- Bei Gleichungen alle Lösungen mit ergänzen.
- Intervallgrenzen und Definitionslücken kontrollieren.
Grad- und Bogenmaß umrechnen
- Ausgangsmaß erkennen.
- Die Beziehung notieren.
- Den passenden Umrechnungsfaktor wählen.
- Einheiten und kürzen.
- Bruch vollständig vereinfachen.
- Größenordnung mit einem bekannten Winkel prüfen.
Tangensfunktion erkennen
- Nach getrennten Ästen suchen.
- Senkrechte Asymptoten identifizieren.
- Abstände benachbarter Asymptoten vergleichen.
- Nullstellen oder Mittelpunkte der Äste markieren.
- Monotonie und unbeschränkte Werte prüfen.
- Gleichung und Graphmerkmale gemeinsam begründen.
Merksätze
- gilt nur für .