Polynomgleichungen bis Grad 4
Kompetenzcode: FA 4.6
Bereich: Funktionale Abhaengigkeiten
Eine Polynomgleichung fragt nach allen Zahlen , fuer die ein Polynom einen bestimmten Wert annimmt. Nach dem Umformen steht sie in der Normalform
Der groesste vorkommende ist der Grad. Auf dieser Seite gilt .
Bei Polynomgleichungen gibt es nicht eine einzige Loesungsformel. Der entscheidende Schritt ist, die passende Struktur zu erkennen.
Der verlaessliche Lernweg lautet:
- alles auf eine Seite bringen,
- ordnen und den Grad bestimmen,
- nach einer einfachen Faktorisierung suchen,
- bei geraden Potenzen substituieren,
- bei bekannter einen Linearfaktor abspalten,
- jede Restgleichung loesen und die Loesungsmenge kontrollieren.
1. Polynomgleichung und Grad erkennen
Eine ist eine Polynomgleichung, wenn nach dem Umformen nur nichtnegative ganzzahlige Potenzen von vorkommen. Ausdruecke wie , oder gehoeren nicht zu einem Polynom.
Beispiel 1: Normalform und Grad bestimmen
Gegeben ist
Wir bringen alles auf eine Seite und ordnen nach fallenden Exponenten:
Der hoechste Exponent mit einem von null verschiedenen Koeffizienten ist . Es handelt sich um eine Polynomgleichung vierten Grades.
Die fehlende Potenz aendert den Grad nicht. Fuer spaetere Verfahren darf man den Koeffizienten sichtbar notieren:
Beispiel 2: Erst vereinfachen, dann den Grad nennen
Auf beiden Seiten steht . Nach dem Subtrahieren bleibt
Die Gleichung ist daher dritten und nicht vierten Grades. Der Grad wird immer erst nach dem vollstaendigen Zusammenfassen bestimmt.
2. Der Nullproduktsatz als Grundidee
Fuer reelle Zahlen gilt:
Darum ist die Produktform so wertvoll. Aus
folgen sofort die Loesungen .
Der Nullproduktsatz darf nur angewendet werden, wenn auf einer Seite wirklich und auf der anderen Seite ein Produkt steht.
Beispiel 3: Gemeinsamen Faktor herausheben
Beide Terme enthalten :
Nun gilt
Damit erhalten wir
Die Loesungsmenge ist
Die Nullstelle hat zwar die Vielfachheit , wird in der Loesungsmenge aber nur einmal notiert.
Beispiel 4: Schrittweise faktorisieren
Zuerst heben wir heraus:
Die Differenz zweier Quadrate zerfaellt weiter:
Mit dem Nullproduktsatz folgt
Also
3. Nullstelle, Linearfaktor und Graph
Fuer ein Polynom sind die folgenden Aussagen gleichbedeutend:
Grafisch bedeutet : Der Punkt liegt auf dem Graphen.
Bei einem Faktor heisst die Vielfachheit der Nullstelle:
- ungerade Vielfachheit: Der Graph wechselt typischerweise die Seite der -Achse,
- gerade Vielfachheit: Der Graph beruehrt die -Achse und kehrt um.
Die Vielfachheit veraendert nicht die Loesungsmenge, erklaert aber die Form des Graphen.
4. Biquadratische Gleichungen substituieren
Eine biquadratische Gleichung hat die Form
Es kommen nur gerade Potenzen vor. Mit
wird daraus die quadratische Gleichung
Nach dem Loesen in muss zuruecksubstituiert werden. Fuer reelle gilt immer . Ein negativer -Wert liefert daher keine reelle Loesung.
Beispiel 5: Zwei positive Ruecksubstitutionen
Wir setzen :
Faktorisieren liefert
also
Ruecksubstitution:
Damit
Beispiel 6: Negativen Substitutionswert verwerfen
Mit folgt
und damit
Also oder . Weil , ist fuer reelle unmoeglich. Aus folgt
Ein haeufiger Fehler waere, aus die reellen Zahlen zu machen. Die Probe zeigt sofort, dass das nicht stimmt.
5. Polynomdivision: einen Linearfaktor schriftlich abspalten
Die Polynomdivision sieht am Anfang kompliziert aus. Dahinter steckt aber immer derselbe Ablauf. Du musst also nicht jedes Mal eine neue Idee finden.
Die Grundidee kennst du von der schriftlichen Division mit Zahlen: vorne teilen, zurückmultiplizieren und alles abziehen. Danach beginnt derselbe Ablauf noch einmal.
Wozu braucht man die Polynomdivision?
Ein Polynom dritten oder vierten Grades lässt sich oft nur schwer direkt lösen. Die Polynomdivision macht daraus ein kürzeres und einfacheres Polynom.
Dafür brauchen wir zuerst eine bekannte Nullstelle . Eine Nullstelle ist einfach eine Zahl, bei der beim Einsetzen herauskommt. Gilt zum Beispiel , dann ist eine Nullstelle und ein Faktor.
Bitte was? Kurz gesagt: Wir wissen bereits, dass sich das Polynom durch teilen lässt. Mit der Polynomdivision rechnen wir aus, was nach diesem Teilen übrig bleibt.
Das Ergebnis der Division nennen wir . Dabei steht nur für den Quotienten, also das Ergebnis der Division:
ist der Rest. Wenn wirklich eine Nullstelle ist, geht die Division genau auf und es bleibt nichts übrig: .
Bleibt dagegen ein Rest übrig, also , dann stimmt etwas nicht: war keine Nullstelle oder der verwendete Faktor war falsch.
In dieser Einheit wird bewusst die schriftliche Polynomdivision verwendet. So bleiben alle Terme, Vorzeichen und Zwischenschritte sichtbar.
Vor dem Rechnen: ordnen und Lücken füllen
Schreibe das Polynom nach fallenden Potenzen. Fehlt eine Potenz, ergänze sie mit dem Koeffizienten .
Aus
wird daher
Das verändert den Wert nicht. Es hält aber die richtige Spalte frei und verhindert, dass Terme verrutschen.
Der feste Ablauf
Jede Runde besteht aus denselben vier Schritten:
- Vorne teilen: Frage dich: „Womit muss ich das erste multiplizieren, damit der vorderste Term entsteht?“
- Zurückmultiplizieren: Multipliziere deine Antwort mit dem ganzen Divisor.
- Alles abziehen: Schreibe das Ergebnis genau unter die passenden Potenzen und subtrahiere die ganze Zeile.
- Noch einmal: Beginne mit dem neuen vordersten Term wieder bei Schritt 1.
Bei einer Division durch bleibt am Ende höchstens eine Zahl übrig. Ist diese Zahl , ist die Division aufgegangen.
Merke dir nur diese vier Wörter: teilen – multiplizieren – abziehen – wiederholen.
Musterbeispiel: vollständig schriftlich dividieren
Wir dividieren
Zuerst setzen wir in das Polynom ein. Kommt heraus, ist wirklich eine Nullstelle:
Damit wissen wir schon vor der Division: Sie muss genau aufgehen und der Rest muss werden.
So – und jetzt so, dass man es wirklich verwenden kann: Links steht in Worten, was du gerade tust. Rechts siehst du genau die passende Rechnung.
Alle Rechenschritte stehen untereinander:
In den Subtraktionszeilen sind die Vorzeichen bereits umgedreht. Zum Beispiel:
Genau hier passieren besonders häufig Vorzeichenfehler. Subtrahiere deshalb immer die ganze Klammer, nicht nur den ersten Term.
Ergebnis der Division: und Rest .
Damit gilt
Falls die ursprüngliche Gleichung
gelöst werden soll, ist die Aufgabe nach der Division noch nicht ganz beendet. Das Quotientenpolynom lässt sich weiter faktorisieren:
Also
und mit dem Nullproduktsatz
Kontrolle durch Rückmultiplikation
Multipliziere Divisor und Quotient. Bei Rest muss wieder das ursprüngliche Polynom entstehen:
Die Rückmultiplikation bestätigt die Division.
Wenn eine Potenz fehlt
Bei
muss vor der Division so angeschrieben werden:
Ohne die sichtbare Nullstelle in der -Spalte würden die folgenden Terme leicht in die falsche Spalte rutschen.
Häufige Fehler bei der Polynomdivision
- Falscher Linearfaktor: Zur Nullstelle gehört , denn .
Merksatz: Teilen – multiplizieren – vollständig subtrahieren – wiederholen. Die Potenzen bleiben dabei immer in ihren Spalten.
6. Quadratische Restgleichungen loesen
Nach dem Faktorisieren, Substituieren oder Abspalten bleibt oft eine quadratische Gleichung
Sie kann faktorisiert oder mit der quadratischen Loesungsformel geloest werden:
Die Diskriminante
zeigt die Zahl reeller Loesungen der Restgleichung:
- : zwei verschiedene reelle Loesungen,
- : eine reelle Doppelnullstelle,
- : keine reelle Loesung.
Beispiel 9: Ein Linearfaktor und keine weiteren reellen Loesungen
Aus dem ersten Faktor folgt . Fuer waere noetig; das ist in unmoeglich. Daher
Der Grad bedeutet also nicht, dass drei verschiedene reelle Loesungen existieren muessen.
7. Wie viele reelle Loesungen sind moeglich?
Ein von null verschiedenes Polynom vom Grad kann hoechstens verschiedene reelle Nullstellen besitzen. Denn jede verschiedene Nullstelle liefert einen eigenen Linearfaktor und senkt beim Abspalten den Grad um eins.
Fuer gilt daher:
Das Wort hoechstens ist entscheidend. Ein Polynom vierten Grades kann vier, drei, zwei, eine oder keine verschiedene reelle Nullstelle besitzen.
Beispiel 10: Gleicher Grad, verschiedene Loesungszahlen
Alle folgenden Polynome haben Grad :
hat vier verschiedene reelle Nullstellen.
hat nur die reelle Nullstelle , allerdings mit Vielfachheit .
hat keine reelle Nullstelle, weil und daher fuer alle reellen gilt.
8. Technologie sinnvoll einsetzen
Ein Computeralgebrasystem kann faktorisieren, Nullstellen naeherungsweise bestimmen oder eine Polynomdivision kontrollieren. Die Ausgabe wird aber erst durch drei Fragen mathematisch verlaesslich:
- Wurde die Gleichung korrekt als eingegeben?
- Werden reelle oder komplexe Loesungen angezeigt?
- Erfuellen alle ausgegebenen Werte die Ausgangsgleichung?
Bei einer beliebigen Gleichung dritten oder vierten Grades ist nicht garantiert, dass Herausheben, eine biquadratische Substitution oder eine vorgegebene Nullstelle sofort sichtbar ist. Dann kann Technologie bei der Nullstellensuche helfen. Die grundlegende Begruendung bleibt: gefundene Nullstelle pruefen, Linearfaktor abspalten, Restgleichung loesen.
9. Haeufige Fehler
- Nicht auf null bringen: Der Nullproduktsatz funktioniert nur bei einem Produkt gleich null.
- Grad zu frueh bestimmen: Zuerst beide Seiten zusammenfassen; hoechste Terme koennen sich aufheben.
- Aus einer Summe einzelne Gleichungen machen: Aus folgt nicht oder .
10. Arbeitsrezepte
Polynomgleichung erkennen
- Alle Terme auf eine Seite bringen.
- Klammern aufloesen und gleichartige Terme zusammenfassen.
- Nach fallenden Exponenten ordnen.
- Pruefen, ob nur nichtnegative ganzzahlige Exponenten vorkommen.
- Den hoechsten Exponenten mit Koeffizient ungleich null als Grad nennen.
- Fehlende Potenzen bei Bedarf mit Koeffizient null ergaenzen.
Durch Faktorisieren loesen
- Die Gleichung in die Form bringen.
- Groessten gemeinsamen Faktor aller Terme suchen.
- Gemeinsamen Faktor herausheben.
- Verbleibende Faktoren weiter zerlegen.
- Nullproduktsatz auf jeden Faktor anwenden.
- Alle Loesungen sammeln und in der Ausgangsgleichung pruefen.
Biquadratische Gleichung loesen
- Form erkennen.
- setzen.
Bekannten Linearfaktor mit Polynomdivision abspalten
- Vorgegebenen Wert mit pruefen.
- Den zugehoerigen Faktor notieren.
- Alle Koeffizienten einschliesslich Nullen in richtiger Reihenfolge anschreiben.
- Die Polynomdivision schriftlich durchführen und jede Potenz in ihrer Spalte halten.
- Rest kontrollieren und Quotientenpolynom loesen.
Vollstaendigkeit der Loesungsmenge pruefen
- Grad des vereinfachten Polynoms bestimmen.
- Zahl der gefundenen verschiedenen reellen Loesungen zaehlen.
- Vielfachheiten getrennt von der Loesungsmenge notieren.
- Nichtreelle Restloesungen begruendet ausschliessen.
- Jede reelle Loesung in die Ausgangsgleichung einsetzen.
- Bestaetigen, dass alle Faktoren oder Restgleichungen bearbeitet wurden.
Merksaetze
- Zuerst Normalform , dann Methode waehlen.
- Der Grad ist der hoechste Exponent nach dem Zusammenfassen.
- Ein Produkt ist null, wenn mindestens ein Faktor null ist.
- genau dann, wenn ein Linearfaktor ist.