Messfehler und Fehlerfortpflanzung
Kompetenzcode: MG 3.6
Messwerte sind in der Praxis fast nie vollkommen exakt.
Wird zum Beispiel eine Länge mit
angegeben, bedeutet das nicht automatisch, dass die tatsächliche Länge exakt
beträgt.
Jede Messung besitzt eine gewisse Unsicherheit.
Werden solche Messwerte anschließend in Formeln eingesetzt, wirkt sich ihre Unsicherheit auch auf das berechnete Ergebnis aus.
Das nennt man Fehlerfortpflanzung.
1. Messwert und tatsächlicher Wert
Wir unterscheiden zwischen:
- einem gemessenen oder näherungsweise bestimmten Wert,
- dem tatsächlichen beziehungsweise als Referenz verwendeten Wert,
- einer möglichen Abweichung.
Ein Messwert kann zum Beispiel lauten:
Ist bekannt, dass die Messung höchstens um
abweicht, kann man diese Unsicherheit ausdrücklich angeben.
2. Typische Fehlerquellen
Unsicherheiten können verschiedene Ursachen haben.
Zum Beispiel:
- begrenzte Genauigkeit eines Messgeräts,
- Ablesefehler,
- Rundung,
- ungünstige Messbedingungen,
- Schwankungen einer Größe,
- vereinfachte Modelle,
- ungenaue Ausgangsdaten.
Wichtig: Ein Fehler bedeutet hier nicht unbedingt, dass jemand falsch gerechnet hat. Gemeint ist häufig die unvermeidbare Unsicherheit einer Messung oder Näherung.
3. Fehlerquelle erkennen
Beispiel:
Eine Länge wird mit einem Lineal gemessen, dessen kleinste Skalenteilung
beträgt.
Dann kann die Ablesegenauigkeit des Lineals eine Fehlerquelle sein.
Wird zusätzlich schräg auf die Skala geblickt, kann auch die Ableseposition zu einer weiteren Unsicherheit führen.
4. Systematische und zufällige Einflüsse
Manche Fehler wirken immer ungefähr in dieselbe Richtung.
Beispiel:
Eine Waage zeigt grundsätzlich
zu viel an.
Andere Einflüsse schwanken von Messung zu Messung.
Für dieses Kompetenzthema ist vor allem wichtig:
Eine Fehlerquelle erkennen und beschreiben können, ohne automatisch anzunehmen, dass jeder Messwert exakt ist.
5. Absoluter Fehler
Ist ein Referenzwert bekannt, kann die absolute Abweichung berechnet werden:
Beispiel:
und
Dann:
6. Absolute Fehlergrenze
Häufig kennt man den tatsächlichen Wert nicht.
Dann wird stattdessen eine maximale mögliche Abweichung angegeben.
Zum Beispiel:
Das bedeutet:
Der tatsächliche Wert wird in einem Bereich von höchstens
unter beziehungsweise über dem angegebenen Messwert erwartet.
7. Einheit des absoluten Fehlers
Der absolute Fehler besitzt dieselbe Einheit wie die gemessene Größe.
Ist
dann kann eine absolute Fehlergrenze zum Beispiel lauten:
Nicht:
Prozentangaben gehören zum relativen Fehler.
8. Relativer Fehler
Der relative Fehler vergleicht die absolute Unsicherheit mit der Größe des betrachteten Werts.
Bei einer gegebenen absoluten Fehlergrenze kann man schreiben:
Der Betrag im Nenner verhindert bei negativen Größen ein negatives Fehlermaß.
9. Relativer Fehler in Prozent
Oft wird der relative Fehler als Prozentwert angegeben:
Beispiel:
Dann:
Also:
10. Gleicher absoluter Fehler – unterschiedliche Bedeutung
Vergleichen wir:
und
Bei der ersten Messung:
Bei der zweiten:
Obwohl der absolute Fehler gleich ist, ist seine relative Bedeutung sehr verschieden.
11. Relativen Fehler direkt angeben
Ist gegeben:
mit einem relativen Fehler von
dann bedeutet das:
Die entsprechende absolute Fehlergrenze ist:
Damit:
Die Messwertangabe kann also geschrieben werden als:
12. Werteintervall aus einer absoluten Fehlergrenze
Ist
dann gilt für den möglichen tatsächlichen Wert:
Das entsprechende lautet:
13. Beispiel für ein Werteintervall
Gegeben:
Untere Grenze:
Obere Grenze:
Damit:
Oder:
14. Intervall aus relativem Fehler
Gegeben:
und ein relativer Fehler von
Zuerst berechnen wir die absolute Fehlergrenze:
Dann:
15. Fehlerbehaftete Eingangsgrößen
Betrachten wir eine Formel:
Wenn sowohl als auch gemessen wurden, können beide Größen Unsicherheiten besitzen.
Zum Beispiel:
und
Dann sind und die fehlerbehafteten Eingangsgrößen.
16. Exakte und unsichere Größen unterscheiden
Nicht jede Zahl in einer Formel muss fehlerbehaftet sein.
Beispiel:
Die Zahl
ist hier ein exakter mathematischer .
Die gemessenen Größen
und
können dagegen Unsicherheiten besitzen.
17. Warum Fehler weitergegeben werden
Ist eine Eingangsgröße nicht exakt bekannt, kann auch ein daraus berechnetes Ergebnis normalerweise nicht vollkommen exakt sein.
Beispiel:
Wenn und jeweils nur innerhalb eines Bereichs bekannt sind, dann liegt auch innerhalb eines möglichen Wertebereichs.
Die Unsicherheit wird also von den Eingangsgrößen auf die Ergebnisgröße übertragen.
18. Fehlerfortpflanzungsregel
In Aufgaben kann eine passende Fehlerfortpflanzungsregel vorgegeben sein.
Dann gilt:
Die Regel wird nicht erraten, sondern mit den gegebenen Eingangsfehlern korrekt angewendet.
Eine vorgegebene Regel könnte beispielsweise die Form besitzen:
Sind
und
dann:
Also:
19. Vorgegebene Regel sorgfältig lesen
Vor dem Einsetzen sollte geklärt werden:
- Welche Fehlergrößen kommen vor?
- Sind absolute oder relative Fehler verlangt?
- Welche Einheit besitzt das Ergebnis?
- Werden Beträge verlangt?
- Welche Größen sind exakt und welche fehlerbehaftet?
20. Absolute und relative Regeln nicht verwechseln
Eine Regel für absolute Fehler kann zum Beispiel ein Ergebnis
liefern.
Eine Regel für relative Fehler kann dagegen zu
führen.
Das entspricht:
Die beiden Fehlerarten dürfen nicht ohne Umrechnung miteinander vermischt werden.
21. Maximalen Ergebnisfehler abschätzen
Eine Fehlergrenze beschreibt eine maximale erwartete Abweichung.
Ist das berechnete Ergebnis
und die maximale Ergebnisunsicherheit
dann kann geschrieben werden:
Das mögliche Ergebnisintervall ist:
22. Beispiel maximaler Ergebnisfehler
Eine Rechnung liefert:
Die angewendete Fehlerfortpflanzungsregel ergibt:
Dann:
Das mögliche Intervall lautet:
23. Ergebnisintervall direkt untersuchen
Bei einfachen Situationen kann man auch mit den Randwerten der Eingangsgrößen arbeiten.
Beispiel:
und
Dann:
und
Damit:
Der Mittelpunkt ist:
und die Fehlergrenze:
24. Vorsicht bei komplizierten Formeln
Bei komplizierteren Formeln reicht es nicht immer, beliebige Randwerte einzusetzen.
Deshalb ist in solchen Aufgaben besonders wichtig:
- die vorgegebene Fehlerfortpflanzungsregel verwenden,
- oder ein ausdrücklich verlangtes Verfahren anwenden.
Merke: Nicht selbst eine allgemeine Fehlerregel erfinden, wenn die Aufgabe eine bestimmte Methode vorgibt.
25. Relativer Ergebnisfehler
Ist ein Ergebnis
mit absoluter Ergebnisunsicherheit
bekannt, dann gilt:
In Prozent:
26. Beispiel relativer Ergebnisfehler
Gegeben:
und
Dann:
Also:
27. Ergebnisfehler interpretieren
Die Aussage
bedeutet nicht:
Die Fläche ist sicher falsch.
Sie bedeutet:
Aufgrund der Unsicherheiten der Ausgangsdaten wird für das Ergebnis eine Abweichung von bis zu etwa berücksichtigt.
28. Einfluss einzelner Eingangsfehler
Nicht jede Eingangsgröße beeinflusst das Ergebnis gleich stark.
Eine vorgegebene Regel sei:
Gegeben:
Beitrag von :
Beitrag von :
Damit trägt die Unsicherheit von in dieser Regel stärker zur Ergebnisunsicherheit bei.
29. Zwei Dinge bestimmen den Einfluss
Wie stark eine Eingangsgröße den Ergebnisfehler beeinflusst, hängt unter anderem davon ab:
- wie groß ihre eigene Unsicherheit ist,
- wie stark sie laut verwendeter Regel in das Ergebnis eingeht.
Eine kleine Messunsicherheit kann großen Einfluss haben, wenn die Ergebnisgröße sehr empfindlich auf diese Eingangsgröße reagiert.
30. Einflussvergleich nicht nur nach Fehlergröße
Angenommen:
und
Es wäre falsch, automatisch zu behaupten:
beeinflusst das Ergebnis stärker, weil .
Zuerst muss betrachtet werden, wie beide Größen in die verwendete Fehlerregel eingehen.
31. Ergebnis mit Unsicherheit im Sachkontext
Ein gutes Endergebnis enthält:
- berechneten Wert,
- passende Einheit,
- Fehlergrenze oder relative Unsicherheit,
- eine kurze Bedeutung im Kontext.
Beispiel:
Interpretation:
Die Masse wird mit angegeben. Unter der verwendeten Fehlerabschätzung wird eine Abweichung von höchstens etwa berücksichtigt.
32. Prozentuale Unsicherheit interpretieren
Gegeben:
Das entspricht:
Interpretation:
Die absolute Unsicherheit entspricht etwa des angegebenen Ergebniswerts.
33. Sinnvoll runden
Ein Ergebnis mit Fehlerangabe sollte nicht mit unrealistisch vielen Dezimalstellen angegeben werden.
Beispiel:
Statt
ist eine zur Unsicherheit passende Darstellung sinnvoller, zum Beispiel:
Die konkrete Rundung richtet sich nach Aufgabenstellung und Genauigkeitskonvention.
34. Fehlergrenze ist keine Garantie für den exakten Wert
Eine Fehlergrenze ist eine Aussage innerhalb des verwendeten Mess- oder Rechenmodells.
Sie beschreibt nicht automatisch eine absolute Wahrheit über jede denkbare Fehlerquelle.
Nicht berücksichtigte systematische Fehler oder ungeeignete Modellannahmen können zusätzliche Abweichungen verursachen.
35. Typische Fehler
Fehler 1: Betrag beim absoluten Fehler vergessen
Richtig:
Ein Fehlermaß wird nicht negativ angegeben.
Fehler 2: Einheit vergessen
Absolute Fehler besitzen die Einheit der betrachteten Größe.
Fehler 3: Relativen Fehler nicht in Prozent umrechnen
Nicht:
Fehler 4: Prozentwert direkt addieren
Bei einer relativen Unsicherheit von muss zunächst klar sein, worauf sich diese beziehen.
Fehler 5: Fehlerregel falsch lesen
Absolute und relative Fehlergrößen dürfen nicht verwechselt werden.
36. Typische Fehler bei Werteintervallen
Aus
folgt:
Nicht:
Die Fehlergrenze wirkt in beide Richtungen.
37. Typische Fehler bei der Fehlerfortpflanzung
Fehler 1: Nur einen Eingangsfehler berücksichtigen
Sind mehrere Eingangsgrößen als fehlerbehaftet angegeben, müssen alle laut verwendeter Regel berücksichtigt werden.
Fehler 2: Exakte Konstanten als Messfehler behandeln
Eine mathematische Konstante aus der Formel ist nicht automatisch fehlerbehaftet.
Fehler 3: Ergebnisfehler ohne Einheit angeben
Ist der Fehler absolut, benötigt er dieselbe Einheit wie das Ergebnis.
Fehler 4: Maximalfehler als tatsächlichen Fehler bezeichnen
Eine maximale Fehlergrenze beschreibt eine mögliche obere Schranke der Abweichung.
38. Vorgehensplan: Fehlerquelle erkennen
- Mess- oder Näherungssituation lesen.
- Prüfen, welche Größe nicht exakt bestimmt wird.
- Messgerät, Ablesung, Rundung oder Modellannahmen untersuchen.
- Eine konkrete mögliche Fehlerquelle benennen.
- Kurz erklären, wie sie den Wert beeinflussen kann.
39. Vorgehensplan: Messwert mit Fehler angeben
Bei absoluter Fehlergrenze:
Bei relativer Fehlerangabe:
Für Prozent:
40. Vorgehensplan: Werteintervall
- Messwert bestimmen.
- Absolute Fehlergrenze bestimmen.
- Untere Grenze berechnen:
- Obere Grenze berechnen:
- Intervall angeben:
41. Vorgehensplan: Fehlerfortpflanzungsregel anwenden
- Ergebnisgröße identifizieren.
- Fehlerbehaftete Eingangsgrößen markieren.
- Vorgegebene Fehlerregel vollständig abschreiben.
- Absolute und relative Fehlerarten unterscheiden.
- Werte mit passenden Einheiten einsetzen.
- Ergebnisfehler berechnen.
- Ergebnis zusammen mit seiner Unsicherheit angeben.
42. Vorgehensplan: Einfluss vergleichen
- Fehlerfortpflanzungsregel betrachten.
- Beitrag jeder Eingangsgröße einzeln berechnen.
- Beiträge vergleichen.
- Größten Einfluss identifizieren.
- Nicht nur die ursprünglichen Fehlerwerte, sondern auch ihre Gewichtung in der Regel berücksichtigen.
43. Vorgehensplan: Ergebnis interpretieren
Ein vollständiger Antwortsatz sollte ausdrücken:
- Welcher Ergebniswert berechnet wurde,
- wie groß seine Unsicherheit ist,
- welche Einheit gilt,
- ob die Unsicherheit absolut oder relativ angegeben wird,
- was diese Unsicherheit im Sachkontext bedeutet.
44. Zusammenfassung
Absoluter Fehler
Messwert mit Fehlergrenze
Werteintervall
Relativer Fehler
Prozentuale Angabe
Fehlerfortpflanzung
Unsicherheiten von Eingangsgrößen können zu einer Unsicherheit des Ergebnisses führen.
Wird eine Fehlerfortpflanzungsregel vorgegeben, muss sie mit den richtigen Fehlergrößen und Einheiten angewendet werden.
Merke: Ein berechnetes Ergebnis ist nur so genau, wie es die Ausgangsdaten und das verwendete Modell zulassen.